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Bali: Die Weisheit der 100 jährigen Tempelhändlerin

100 jährige Dame in BaliIndonesien © Foto Markus Schollmeyer
100 jährige Dame in Bali © Foto Markus Schollmeyer

Bisher hatte ich nur vom sog. Affenhügel gehört. Man musste sich dort vor den Affen in Acht nehmen. Sie klauten. Der sogenannte „Muttertempel“ namens Pura Besakih auf Bali, galt als sicher. Jedenfalls, wenn man meinem Reiseführer Glauben schenkte. Bei meinem Besuch war den Affen jedoch egal, was ich über sie vorher gelesen hatte. Sie gingen auf Beutezug und nahmen sich, was sie in die Finger bekamen. Wie aber die Balinesen damit klar kommen, ist eine wunderbare Geschichte.

Die nächsten Verwandten des Menschen, die im Bereich des Tempels leben, gelten dort als heilig. Sie dürfen von Menschen nicht verjagt oder verletzt werden. Natürlich haben die Affen diese Narrenfreiheit blitzschnell erkannt. Touristinnen werden von den flinken und skrupellosen Dieben die Taschen entrissen. Fotoapparate sind ebenfalls sehr gefährdet.  Wer seine Sachen festhält und verteidigen will, erlebt sein blaues Wunder. Die Affen zerren solange an den Taschen oder beißen, bis sie bekommen, was sie wollen. Spätestens dann lassen die Frauen mit spitzen Schreien die Taschen los. Selbst die stärksten Beschützer, wie trainierte Ehemänner, sind machtlos. Zu flink, zu stark und zu schnell sind die Affen auf ihren Beutezügen.

Die Affen sind einfach zu flink

Affe Affenhügel Affenwald Mafioso auf der Lauer Bali Indosien ©Foto Markus Schollmeyer
Mafioso auf der Lauer ©Foto Markus Schollmeyer

Zwar können die Affen nichts mit dem Tascheninhalt wie Lippenstiften, Handys oder Taschentüchern anfangen. Ihr Interesse gilt ausschließlich Essbarem. Trotzdem nehmen sie alles, was sie in die Finger bekommen. Das dieser Tempel zum Heiligsten gehört, was es im Glauben der Balinesen gibt, stört die Affen selbstredend nicht. Findige Händler hatten deshalb schnell eine gute Geschäftsidee: Sie verkaufen unmittelbar vor dem Eingang zum Tempel Lebensmittel, vor allem Erdnüsse und Bananen umfasst das Sortiment. Davon sollten nicht etwa hungrige Touristen satt werden, die Lebensmittel sind für die Affen gedacht.

Das Prinzip war einfach und logisch

Wie funktioniert aber der Bananen und Erdnuss Trick? Touristen kaufen Bananen, die sie dann den Affen im Ernstfall hinwerfen konnten. So blieb die Tasche und der zugehörige Träger der Tasche verschont. Die Touristen hatten ihre Ruhe und die Affen ihre Beute. Man könnte das auch „Affenschutzversicherung auf balinesisch“ nennen.

Da ich auch keine Lust auf die haarigen Attacken hatte, wollte ich ein paar Nüsse und Bananen kaufen. Dabei fiel mir eine alte Dame auf, die hinter einer Schale mit Bananen und Nüssen saß. Während ich auf sie zuging, sprang ein Affe direkt vor die alte Dame. Ungeniert griff er sich Nüsse und Bananen und sprang damit auf den nächsten Baum.

Die Alte Dame und ihr Geschäft Bali Indonesien © Foto Markus Schollmeyer
Die Alte Dame und ihr Geschäft © Foto Markus Schollmeyer

Etwas irritiert fragte ich die alte Dame, ob sie auch englisch spricht. Sie antwortet mit einem gekonnten „Yes, I do! I lived in Singapoor!“. Nachdem ich meine Wünsche geäußert hatte, musste ich sie einfach fragen, warum sie nichts gegen die Affen unternommen hatte. Schließlich sitzt sie ja vor der Tempelanlage und da darf man doch die Affen auch verjagen. Sie neigte den Kopf etwas zu Seite und musterte mich von oben bis unten. „Bist Du Europäer“ fragte sie schließlich. Ich nickte. „Siehst Du, das ist Euer großes Problem. Ihr habt immer Angst, dass man Euch etwas wegnimmt oder dass ihr zu kurz kommt. Ich habe gelesen, dass viele bei Euch sogar dauernd Angst haben. Ich glaube, Ihr nennt das dann Depression.“ Ehrlich gesagt hatte ich mit dieser Antwort nicht gerechnet. Eher so was wie „ich bin eine alte Frau, was soll ich denn schon ausrichten.“ In Europa wäre das vermutlich auch die wahrscheinlichste Antwort gewesen. Doch die alte Dame war noch nicht fertig (mit mir). „Festhalten bringt nichts, denn wer festhält, hat doch die Hände nicht mehr frei für das Neue und das Gute. Und in dem Fall bist das Gute Du, denn Du wirst mir gleich Geld geben, weil Du mir etwas abkaufst. Hätte ich also die Hände nicht frei, könnte ich auch nichts nehmen.“

Festhalten bringt nichts

Bananen Lager auf BaliIndonesien Bali Freikopf © Foto Markus Schollmeyer
Bananen Lager auf Bali © Foto Markus Schollmeyer

Das klang auf den ersten Blick vernünftig, aber ich wollte mich nicht so schnell geschlagen geben. „Aber ich könnte Dir das Geld doch auch nebenhin legen, dann brauchst Du Deine Hände nicht.“ Die alte Dame schmunzelte. „Siehst Du, darum seid Ihr Europäer so unglücklich, weil Ihr nicht versteht. Wenn ich das Geld nicht nehmen kann, weil ich die Bananen festhalte und Du es neben hinlegst, dann klaut der Affe das Geld. Mit Geld kann ich mir die Dinge kaufen, die ich dringender brauche, mit den Bananen geht das nicht. Aber das Wichtigste, was Ihr immer vergesst ist: Alle Menschen haben nur zwei Hände, können also auch nur zwei Dinge halten oder nehmen. Man muss sich eben gut überlegen was man macht.“ Das hatte gesessen.

Restlos überzeugt war ich aber noch nicht. „Du ärgerst Dich doch sicher auch, wenn Dir was geklaut wird, oder“. „Wieso sollte ich? Ich habe doch genug und wer bin ich, dass ich mir anmaßen könnte, über andere zu bestimmen. Nicht mal über Affen, die von ihrer Gier getrieben mich bestehlen. Würde ich mich tatsächlich darüber ärgern, wäre ich sich keine einhundert Jahre alt geworden.“ Mittlerweile waren andere Touristen hinzugekommen, die bei der alten Dame einkaufen wollten. Sie wünschte mir viel Glück. Ich nickte Ihr zu, doch sie war schon mit den neuen Kunden beschäftigt.

Besakih ("Muttertempel") auf Bali Indonesien © Foto Markus Schollmeyer
Tempelanlage Pura Besakih („Muttertempel“) auf Bali © Foto Markus Schollmeyer

Der weitere Aufstieg zum Tempel führte über lange und alte Treppen. Zwischen den Treppen waren einzelne Absätze. Am zweiten Absatz hatte ich weder Nüsse, noch Bananen. Ich hatte sie den Affen freiwillig gegeben. Nach dem Gespräch mit der alten Dame war es mir irgendwie egal, was die Affen wollten oder machten. Als ich oben angekommen war, drehte ich mich um. Den Ausblick über die tropische Natur wollte ich unbedingt fotografieren. Zwei Treppenabsätze unter mir sah ich die anderen Kunden der alten Frau von eben. Sie wurden gerade zu von den Affen belagert.

Während die Menschen Treppe für Treppe erklommen, sprangen die Affen um die beiden herum. Im letzten Moment, bevor es kritisch wurde, zog der Mann eine Erdnuss aus der Hosentasche und warf sie seitlich weg, um die Affen mit dem Köder in Abstand zu sich und seiner Frau zu bringen. Wurden es mehr Affen, warf er eine Banane. Dieses Spektakel zog sich bis fast ganz oben hin, erst ca. zehn Treppen vor dem letzten Absatz ließen die Affen ab und suchten sich neue Opfer.

Affen erkennen Ihre Opfer

Die beiden Touristen kamen fix und fertig oben an. Kurz nachdem sie die letzte Stufe erklommen hatten, griff der Mann in seinen Beutel und zog hastig die letzte Banane heraus. Er schälte sie und gab seiner Frau die Hälfte. Mit großen, hektischen Bissen schlangen die beiden ihr Stück der Banane herunter. Die Augen suchten die Umgebung gestresst nach Affen ab. Dann gingen sie weg.

Mir fiel auf, dass Balinesen, die den Tempel besuchten keine Bananen kauften, aber auch von den Affen nicht behelligt wurden. Plötzlich verstand ich die Affenschutzversicherung und den Trick dahinter wirklich: Es ist die „Versicherungsprämie“, auf die es die Affen abgesehen haben. Solange es Touristen gibt, die mit Bananen und Erdnüssen versuchen, Ihre Angst vor dem Verlust anderer materieller Dinge in den Griff zu bekommen, sind nur sie das Ziel der Affen. Und ziehen das Unglück somit förmlich an, weil sie einen Köder mitführen. Die Affen brauchten nur zu beobachten, wer unten die „Versicherung“ kaufte und schon wussten Sie, wer ihr nächstes Opfer würde.

Hatte das Opfer nichts mehr, dann ließen sie ab. So wie von mir, denn ich hatte alles schon schnell unten freiwillig weggegeben. Damit war ich raus aus dem Fokus, andere Ziele waren lohnenswerter. Die einheimischen Balinesen dagegen waren für die Affen nicht interessant, denn sie wussten, dass dort im Vergleich zu den Touristen nichts zu holen war. Balinesen brauchten weder Angst zu haben und noch eine „Versicherung“.

Ausblick vom Tempel Pura BesakihBali Indonisien Freikopf © Foto Markus Schollmeyer
Ausblick vom Tempel Pura Besakih © Foto Markus Schollmeyer

In Gedanken war ich bei der alten Frau. Gedanke enthält auch das Wort Danke und das war es, was ich fühlte. Ich war ihr sehr dankbar für diese Lektion über Angst und Festhalten: Wer festhält, der kann verlieren und hat genau davor Angst. Wer sich versichert, der zieht genau diejenigen an, die von der Versicherung profitieren. Wer aber gelassen und offen beleibt, der hat immer eine Hand frei. Womöglich kann er am Ende genau mit dieser Hand sein persönliches Glück ergreifen. Aber die alte Dame lehrte mich noch etwas: Selbst, wenn man nichts festhält und – bildlich gesprochen – mit leeren Händen dasteht, sollte man an sich und sein Glück glauben. Denn es wird kommen. Aber nur wenn man gelassen bleibt und keine Angst mehr hat.

P.S.  Mittlerweile haben sich die Affen wieder verzogen. Die Händler sind aber immer noch da. Der Tempel an sich ist ohne Affen eine Reise wert, die besinnliche, friedliche Stimmung sollte man erlebt haben.

 

2 comments

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