Home » Mit der Zeitmaschine nach Nordkorea

Mit der Zeitmaschine nach Nordkorea

An der Grenze von Nord- und Südkorea. HIer wird DDR-Nostalgie lebendig. © Foto Dirk Roß Freikopf
An der Grenze von Nord- und Südkorea. HIer wird DDR-Nostalgie lebendig. © Foto Dirk Roß

Man kann sich auf einer Reise die Finger wund fotografieren. Aber wenn die wahren Momente passieren, hat man seine Kamera nicht dabei. Einer dieser wahren Momente passierte in der Nacht vor meinem Flug nach Pyongyang (so wird es später auf meinem Flugticket buchstabiert sein), der Hauptstadt von Nordkorea. Weil mir das Internet, das gesammelte Wissen dieser Welt, innerhalb einer Spanne von drei Stunden völlig unterschiedliche Abflugzeiten für meinen Trip in die Finsternis offenbarte, bin ich runter zur Rezeption meines Hotels in Peking und habe dessen Informationsservice getestet. Das erste merkwürdige Gesicht seitens der Frau hinter dem Tresen war dem Umstand geschuldet, dass ich Pyongyang selbstverständlich völlig falsch ausgesprochen habe und sie überhaupt keine Ahnung hatte, wovon ich rede. Als ich dann, „The Capitol of North Korea“ ergänzte, da hätte ich auf den Auslöser drücken müssen. Eine Mischung aus Abscheu, völligem Unverständnis und Mitleid in einem zarten chinesischen Gesicht – das ist schon sehr fotogen. Nachdem noch drei weitere (kopfschüttelnde) Hotelangestellte hinzugezogen wurden und Mitternacht nahte, bekam ich dann doch noch eine Auskunft, die nur fünf Minuten von der tatsächlichen (geplanten) Abflugzeit abwich. Um 12.55 Uhr beginnt meine Zeitreise. Auf dem Weg zum Terminal 2 des Pekinger Flughafens sehe ich Paare, die voll konzentriert ihre Handy-Nachrichten lesen, beantworten und dabei längst den Namen ihres Partners vergessen haben. Ach, wie herrlich muss es sich in einem Land leben, in dem die Menschen noch miteinander reden. In einem Land, in dem dieser ganze Kommunikationswahnsinn erst in fünf Jahren losgeht. In einem Land, das Nordkorea heißt. Es ist ein in jeder Hinsicht einzigartiges Land.

Plastik-Kork-Furnier empfängt den Reisenden

Das Boarding beginnt pünktlich. Ich bin einer von drei „westlich aussehenden“ Passagieren (allerdings werde ich für einen Russen gehalten, weshalb mich bei der Ankunft in Pyongyang lange niemand anspricht). Es gibt zwölf Businessclass-Plätze in der Tupolev-Maschine, die zur Hälfte besetzt sind. Aber immerhin, es gibt sie. Noch vor zwei Jahren wurde nur Economy geflogen. Ein erstes zartes Zeichen für wirtschaftliche Öffnung?

Einstieg in den Flieger nach Nordkorea © Foto Dirk Roß Freikopf
Einstieg in den Flieger nach Nordkorea © Foto Dirk Roß

Schon mit dem Schritt in das Flugzeug betrete ich eine komplett andere Welt. Warmes Plastik-Kork-Furnier empfängt mich, streng guckende Stewardessen und ein fulminantes Zeitungsangebot, mit Nachrichten, die der sogenannten zivilisierten Welt bisher vorenthalten wurden. Der Ministerpräsident von Südkorea ist dement und hat das geistige Niveau einer Ratte. Außerdem beutet er und sein großer „Lee-Clan“ den Süden des einigen Koreas aus. Ich finde, es ist ein Skandal, dass die Tagesschau, das Handelsblatt oder wenigstens der „Weltspiegel“ noch nicht über diese schockierenden Zustände berichtet hat. Stecken die etwa alle unter einer Decke mit diesem Präsidenten, der „lieber schnell sterben sollte, als weiterhin unsere Welt zu vergiften“?
Aber, und das muss man der Flug-Zeitung hoch anrechnen, es wird nicht nur über das Schlimme in der Welt berichtet. Ganze vier von acht Seiten sind der Einweihung eines neuen Vergnügungsparks in Pyongyang gewidmet, bei der der Vorsitzende der Arbeiterpartei, Kommandant des Militärs, Lenker des Landes, Held des Volkes, mit göttlichen Gaben ausgestatte u.v.m. Kim Jong Un zugegen war. Mit seiner Frau, Ri Sol Ju! Das alleine war schon eine Sensation, denn bisher mussten die Ehefrauen der nordkoreanischen Frauen ihren Kummer im Hintergrund in Cognac ertränken. Ri Sol Ju darf hingegen neben ihrer großen Liebe durch den Park laufen und ihrem Mann dabei ständig Beifall klatschen, so erzählen es die Fotos.
Aber die Fotos erzählen noch eine andere Geschichte. Die Geschichte über die besondere Affinität Kim Jong Uns zu modischen Exzessen und der Emanzipation. Um aller Welt vor Augen zu führen, dass er es mit der Gleichberechtigung ernst meint, trägt er sehr hochhackige Schuhe, die von breiten Hosenschlägen umflattert werden. Doch trotz des tiefergelegten Saumes bleiben keine Fragen zu seinem Größenwah …, äh, Wunsch nach mehr Größe offen. Anders gesagt: Wäre ich Informationsminister von Nordkorea, so würde der Verantwortliche dieser Publikation nicht mehr leb …, anderswo arbeiten.

 

DSC04429
Ich habe übrigens so viel Zeit zum Lesen dieses Blattes, weil die Flugzeit mit einer Stunde und 20 Minuten angegeben wird, als alle eingestiegen sind. Und nachdem diese Flugzeit vorbei ist, haben wir gerade mal die Startbahn erreicht. Aber dann gibt es kein Halten mehr. Die Zeitmaschine hebt ab. Mein chinesischer Vordermann hält sich sehr gut, dafür, dass er keine Rückenlehne hat. Okay, er hat zwar eine, aber die liegt auf meinem Schoß, weil die Halterung Ars…, ähm, sie hält nicht. Und so habe ich volle Sicht auf den dunklen Schweißfleck auf seinem Hemd, der von Minute zu Minute größer wird. Wie bei mir und jedem anderen Passgier vermutlich auch, denn die Klimaanlage ist im Ars…, ähm, sie funktioniert nicht. Letzteres sei nur erwähnt, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass Angstschweiß geflossen sei.

Nein, Angst braucht man vor Nordkorea nun wirklich nicht zu haben. In jeder Hinsicht. Als Tourist ist man nirgendwo sicherer aufgehoben, als in diesem Land. Und dass Nordkorea eine Gefahr für die Welt sein könnte erscheint lächerlich, wenn man das Land ein wenig bereist hat. Klar, man sieht sehr viel Militär. Aber fast ausschließlich in Form von am Straßenrand liegengebliebenen Fahrzeugen. Manchmal qualmen die Militärlaster noch aus dem Motorraum. Die meisten sind aber schon dabei auseinanderzufallen. So wie die Uniformen der hageren Soldaten.

DSC04543Urlaub in Nordkorea – Wer macht denn sowas?

Nordkorea hat die militärische Kraft eines Schrottplatzes, scheint mir. Man könnte das Land relativ entspannt mit Touristen überschwemmen und so aus der Steinzeit holen. Eine große deutsche Tageszeitung titelte kurz nach meiner Rückkehr (ohne, dass es einen Zusammenhang mit meiner Rückkehr gegeben hätte, aber es klingt so gut): „Urlaub in Nordkorea – Wer ist so bekloppt und macht das?“. Ich zum Beispiel. Und ich bin der festen Überzeugung, dass es viel mehr Bekloppte geben solte. Zersetzung durch Tourismus. Kontakte, Informationen austauschen, das untergräbt dieses menschenverachtende System mehr, als das die Deviseneinahmen das System unterstützen. Aber von der politischen Dimension mal ganz abgesehen: Urlaub in Nordkorea ist eine einzigartige Erfahrung für alle Sinne.